Als wir an diesem warmen Frühlingstag vor dem Flintbeker Bahnhof standen, nachdem wir die etwa 30-minütige Fahrt im überfüllten Doppeldecker-Regionalzug hinter uns gebracht hatten, starrten mein neunjähriger Sohn und ich erwartungsvoll in die Ortschaft des frisch im Frühlingsgrün umhüllten Flintbeker Ortsteils. Es war der erste Mai dieses Jahres. In meinem Smartphone hatte ich die Anhaltspunkte gesammelt, die uns zu „den ältesten Radspuren der Welt“ bringen sollten. Es konnte losgehen.
Voller Vorfreude und Entdeckerdrang machten wir uns auf den Weg. Die warme Frühlingssonne schien. Keine Wolke in Sicht. Wir genossen die wunderbare Landschaft, als wir uns immer mehr unserem Ziel näherten: dem Flintbeker Gräberfeld. Ich kann nur jedem Menschen empfehlen, unser schönes Land auf dem Rad zu entdecken. Schließlich, nach etwa 30-minütiger Fahrt, waren wir da.
Die ältesten Radspuren der Welt - wie präsentiert sie Flintbek der Öffentlichkeit?
Das Gräberfeld befand sich gemäß Google Maps direkt auf einer Getreidekoppel. Ein Gräberfeld war diese ca. 6 Meter tiefe Senke, mit etwa 30 Metern Durchmesser inmitten der Koppel vielleicht, ja. Aber weder fanden wir hier Wegesspuren, noch die Hünengräber, die wir erwartet hatten und die so auch auf Wikipedia beschrieben wurden, als wir das Areal untersuchten. Noch einmal rief ich den Wikipedia-Artikel auf, aber einen näheren Hinweis auf die genaue Position gab es hier nicht.
Wir suchten die ältesten Radspuren der Welt und vielleicht ein paar erhaltene Hünengräber auf dem Weg hierhin, aber fanden nichts, außer ein paar Höfen, Koppeln und schließlich dieser Senke, zu der uns Google Maps führte. Nicht einmal ein Hinweisschild. Gar nichts.
Als wir uns zurück zur Straße bewegten und uns verdutzt umsahen, kreuzte ein älterer Herr mit grauem Bart in einem gelben Sportshirt auf seinem Rennrad unseren Weg. Wir grüßten ihn und fragten, ob er wisse, wo denn die ältesten je ausgemachten Radspuren der Welt seien, die genau hier sein sollten. „Die sollen hier sein?“, fragte er. Ich kenne derartige Reaktionen bereits. Ich erwiderte, dass dem so wäre, und fragte, ob er von hier komme. „Ja, das tue ich. Das Einzige, was es hier gibt, ist ein Stein mit einem Schriftzug drauf. Ich habe keine Ahnung, ob dieser etwas damit zu tun hat, aber dieser befindet sich in etwa einem Kilometer Entfernung von hier, wenn ihr wieder in Richtung Ortschaft fahrt.“ Gut, dachte ich mir, ein Anhaltspunkt! „Aber macht euch nicht zu viel Hoffnung. Viel gibt es da nicht zu sehen.“ Wir bedankten uns und setzten unsere Tour fort.
Obwohl ich derartige Reaktionen kenne, bin ich doch immer wieder verdutzt, wie schlecht es um das Wissen des Durchschnittsholsteiners steht. Dieser Mann ging bestimmt auf die 70 zu. Er sah uns die ganze Zeit an, als würden wir spinnen. Daher begann ich auch selbst daran zu zweifeln, ob wir überhaupt etwas finden würden. Diese Absurdität, dass man hier auf der Suche nach einem der wichtigsten archäologischen Relikte der Welt ist, aber keiner es weiß, obwohl diese Menschen ein Großteil, wenn nicht ihr ganzes Leben hier verbrachten, ist ein Phänomen, dem man überall begegnet, wenn man sich mit unserer verborgenen Geschichte beschäftigt, und Leute danach fragt.
Ich erinnere mich genau an den Moment, als wir in diesem Gefühl der Unsicherheit dem nächsten Hinweis auf unseren Fahrrädern folgten. Wie lachhaft. Wonach suchten wir hier? Nach einem örtlichen Spielplatz? Ich machte meinem Sohn noch einmal bewusst, wie aberwitzig diese Situation sei, in der wir uns befanden. Es sollte allen von uns zu denken geben, wie es um unsere bedeutsame Geschichte steht, die keiner kennt, und vor allem wie wenig sich bemüht wird, hieran etwas zu ändern.
Und plötzlich doch! Wir standen auf dem größten frühgeschichtlichen Gräberfeld Europas
Nach etwa 5 Minuten sahen wir tatsächlich den Findling, den der Mann mit seinem gelben Lycra-Hemd beschrieben hatte. Schnell stiegen wir von unseren Rädern und rannten hin. Hier stand tatsächlich etwas auf einer Bronzetafel geschrieben! Wir hatten es gefunden! Naja, nicht ganz. Für ein eigenes Hinweisschild vor dem Ort, an dem sich die Radspuren befanden, und nachdem wir eigentlich suchten, hat es nicht gelangt. Hier, an dieser Stelle, ging man auf die 18-jährige Forschungsarbeit in diesem Areal, der „Flintbeker Sichel“, ein und erwähnte beiläufig die Radspuren.
Man muss sich mal überlegen, dass in dieser „Flintbeker Sichel“ einst 80 Grabhügel standen. 5 von ihnen waren gigantisch große Langbetten. Nicht eines davon hat man erhalten! „Das größte frühgeschichtliche Gräberfeld Europas“(Quelle), zerstört, geschliffen und der Landwirtschaft übergeben. Es war die größte Totenstätte Nordeuropas. Nichts davon ist übrig, außer diesem Gedenkstein. Auf der „Flintbeker Sichel“ werden gerade, zusätzlich zu den kleineren, die bereits hier stehen, Riesenwindkrafträder gebaut. Was für ein Hohn! Was für eine Schande! Mein Sohn und ich wurden bitter enttäuscht von dem, was wir hier vorfanden. Was wir hier erlebten und vorfanden, ist sinnbildlich für unsere holsteinische Geschichte.
Versucht mal, die „Flintbeker Sichel“ über Google Maps zu finden. Du wirst diesen Gedenkstein, oder andere Hinweise hierzu, nicht auffinden können. Daher habe ich diese Aufnahme vor Ort gemacht. Genau hier befindet sich der Gedenkstein.
Endlich etwas Greifbares: der Gedenkstein. Von den dutzenden Grabhügeln, die hier einst standen, ist nicht einer mehr zu sehen.
Das Positive an dieser Anekdote bzw. dieser Erkenntnis? Eine vergessene, alte Sensation darf von mir aufgegriffen und neu präsentiert werden. Ich kann dir diesen Erkenntnismoment, den du, wenn unsere Aufklärung so wäre, wie sie sein sollte, ohnehin schon lange hättest, somit jetzt schenken. Eigentlich völlig absurd, wenn man mal genauer drüber nachdenkt, aber es bereitet mir ja auch Freude, dies zu tun zu dürfen. Für mich ist diese Aufgabe immerhin positiv und es macht mich sehr dankbar. Dir, als Leser, sollte es zu denken geben.
So sehr mein Sohn und ich auch das Abenteuer als solches genossen haben, kann es nicht sein, dass wir Nordlichter nicht hierüber Bescheid wissen. Diese Radspuren – die zu den wichtigsten archäologischen Relikten der Welt zählen – hätten sich überall auf der Welt befinden können, dass wir sie aber im Holstenland vor Kiel finden können – ohne dass der Standardbildungsbürger davon weiß, ist mal wieder sinnbildlich und meiner festen Überzeugung nach wieder einmal kein Zufall.
Am erschreckendsten ist, wie wenig wir wissen, obwohl das Wissen da wäre
Stolz, und Verbundenheit fühlt man, wenn man derartige Themen aufdeckt und in Gedanken darüber schwalkt. Gefühle, die wir so wohl nicht haben sollen, sonst würde man uns die Butter aufs Brot schmieren, auch zu den anderen Themen auf diesem Blog – bereits in der Schule.
Für mich ist es wie eine Art Treibstoff geworden, diesen vergessenen Schätzen unserer Geschichte nachzugehen. Diejenigen, die dafür bezahlt werden, machen es nicht (Minister, Historiker, Journalisten und ihre Medienhäuser). Querverbindungen zieht man erst recht nicht. Wer waren die Menschen der Bronzezeit schließlich, von denen die mit Abstand meisten Gräber auf der Flintbeker Sichel standen? Sie gehörten zur bronzezeitlichen Kultur des Nordischen Kreises mit ihren Griffzungenschwertern und anderer „unerreichter Schmiedekunstwerke“ (Quelle). Atlanter gemäß des Altsprachlers und genialen Analysten Jürgen Spanuth. Ihre Nachfahren, die germanischen Holsten (Nordsachsen), die ebenfalls in diesem Areal lebten, ließen diese Stätte unberührt, und durften diese alte Totenstätte sehr verehrt haben. Was machen wir aber mit unserem Erbe? Seit etwa 800 Jahren sind frühgeschichtliche Anlagen wie diese in Flinbek dem Abschuss freigegeben. Erst der Kirchenbau, Pflasterstraßenbau, später die Landwirtschaft. Nun ist die Agrarwirtschaft eine Sache, aber dass man nicht angemessen aufbereitet, was hier mal war, bzw. was sich konkret in Flinbek befand, liegt in der Verantwortung der Landesregierung (Ministerpräsident und die zuständigen Fachminister) – sie erfüllt die staatliche Informations- und Aufklärungspflicht gegenüber den Bürgern. Das sage nicht ich. Frag gerne mal die AI danach, so wie ich es eben getan habe (Quelle).
Genau hier liegt der Grund, weshalb du nichts davon weißt. Der Pöbel (wir), metaphorisch der ältere Herr in seiner gelben Radsportkluft, der uns so anschaute, als wären mein Sohn und ich es, die fantasieren, ist sich darüber nicht bewusst, was sich tatsächlich hier abspielte (auch wenn dies nicht so sein müsste). Du jetzt aber. Mach was daraus. Begib dich doch mal an einem sonnigen Tag hierhin. In der Nähe hiervon befinden sich die Eiderquelle und wunderschöne Wege, auf denen uns nicht ein Radfahrer entgegenkam. Nimm diese wunderbare Energie auf und fühle hinein in die vergangenen Jahrtausende, spüre die einzigartige Dankbarkeit und Vertrautheit, die dich auf solch einer Tour übermannt. Ich kann dir nur empfehlen, genau jetzt am Ball zu bleiben, und den Sachen nachzugehen, die dich wirklich voranbringen im Leben. Du bist Teil von etwas Größerem. Sei dir dessen bewusst.