Dieses Thema hat mich nie wirklich interessiert. Auch wenn ich Plattdeutsch immer recht amüsant fand und mein Vater es spricht, kam in mir nie das Verlangen hoch, mich näher damit zu beschäftigen. Ehrlich gestanden wirkte es auf mich immer sehr roh und primitiv, auch recht lustig auf eine Art. In der Schule lernte ich nichts darüber und persönliche Vorteile hatte ich auch nicht davon, es sprechen zu können oder mich damit zu beschäftigen. Wieso also der ganze Aufriss? Wie ich dies heute bereue.
Erstmal muss man wissen – und wahrscheinlich wird der mit Abstand größte Teil aller Nordlichter sich dieser Tatsache auch nicht bewusst sein, nämlich dass dieses sogenannte „Niederdeutsch“ eine eigene Sprache ist und sich das „Hochdeutsche“ lediglich davon ableitet! Es ist nicht einfach nur ein weiterer deutscher Dialekt! Nicht nur das: Diese Sprache ist mindestens 1600 Jahre alt und wurde bis Düsseldorf gesprochen! Interessantes Detail, nicht wahr?
Man sagt den Kölnern und Düsseldorfern ja nach, dass sie sich bis heute nicht leiden können. Historisch betrachtet durchlebten die Vorfahren beider Städte ja auch ganz andere Epochen – wenn man nur daran denkt, dass sich die Völker jenseits des Rheins Jahrhunderte lang dem römischen Eroberungsdrang widersetzten und sich für lange Zeiten in ganz andere Richtungen entwickelten.
Man sprach Plattdeutsch (Sässisch) von der niederländischen Provinz Gröningen bis nach Königsberg!
Selbst 30% der schwedischen Sprache sind auf Plattdeutsch zurückzuführen – von der englischen Sprache ganz zu schweigen, welche ja zu großen Teilen auf die Angeln und die Sachsen zurück geht. Diese besiedelten zwischen dem 5. und 6. Jahrhundert, ausgehend von Schleswig-Holstein, große Teile Britanniens (England = Angelland).
Plattdeutsch hieß ursprünglich mal Sassisch, also Sächsisch, später Neddersassisch und dann erst Plattdeutsch. In diesem Beitrag, den ich ein paar Jahren nach diesem verfasst habe, widme ich mich dem Stammesverband der Sassen bzw. Nordsachsen, die Sassisch sprachen, ausführlich. Diese Sprache war mindestens 500 Jahre lang, bis ins 17te Jahrhundert, durch den Bund der Hanse, die Lingua Franca der nördlichen Hälfte Europas. Der Bürgermeister zu Lübeck war der einflussreichste Mann Nordeuropas und sprach „Platt“.
Diese Karte zeigt die Verbreitung der sassischen Sprache. Man beachte, dass man sie auch in den Niederlanden sprach und bis heute spricht. Von niederländischen Arbeitskollegen weiß ich, dass sie auch dort immer weniger gesprochen wird – am wenigsten von jungen Menschen.
Diese Sprache ist ein Kulturschatz, den es unbedingt zu erhalten gilt! Von Schulen und den Medien müssen wir nicht viel erwarten. Die paar Lieder, die einem von der Schule mit auf den Weg gegeben werden (wenn überhaupt), sind kaum erwähnenswert. Wo blieb die Grammatik, Aussprache, das Vokabular? Nichts dergleichen; im Gegenteil: Sein wir Schleswig-Holsteiner doch mal ehrlich: Plattdeutsch ist (auch wenn viele Schulen nach Klaus Groth oder Fritz Reuter benannt sind) Bauernschnack. Genau mit diesem Argument wurde die Sprache Anfang der 50er Jahre, laut meines damaligen Volkshochschullehrers, von den Pausenhöfen verdrängt. Laut ihm auch unter Anwendung von Gewalt (mit dem Rohrstock beispielsweise). Als ich vor ein paar Monaten seinen Volkshochschulkurs besuchte, machte es mich sehr traurig, dies zu erfahren.
Heutzutage kann man sich seine Dosis Plattdeutsch auf NDR 90.3 oder online auf NDR3 holen. Auf „Neues aus Büttenwarder“ bin ich neulich durch Zufall gestoßen. Die auf Plattdeutsch synchronisierte Fassung einiger Folgen kann man sich online einverleiben (hier). Jetzt mal Hand aufs Herz: Hinterwäldlerisch ist im Anbetracht dessen, was man da sieht, eine Untertreibung! Nein, so hält man keine Sprache am Leben, man bugsiert sie ins Abseits!
Wieso diskutiert man nicht mal, beispielsweise im Geschichtsunterricht, über das Buch „Das ABC der Maya“? Aus diesem geht hervor, dass der Autor, der für 5 Jahre in Süd. – bzw. Mittelamerika lebte, sich mit hohen Stammesführern in – jetzt kommt’s – Angeliter Platt unterhalten konnte! Ist dieser Realschullehrer aus Angeln etwa völlig irre? Es spricht eine Menge dafür, dass er es nicht ist, angefangen mit der Sprachverwandtschaft zwischen Plattdeutsch und Zuyua Than. So gibt es sensationelle Übereinstimmungen: „Ich muss mal“ heißt auf Zuyua Than „Ik mut mal“ genauso wie es auf Plattdeutsch „Ik mut mal“ (aber mol ausgesprochen) heißt. Ist das nicht ein starkes Stück? „Hol Mul“ (halts Maul) ist ein weiteres Beispiel! Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Plattdeutsche Wort: „Pismichl“, was auf „Hochdeutsch“ Ameise heißt, auf Zuyua Than „Pizmicl“ heißt? Dies sind nur wenige Beispiele!
So sollen die sogenannten Wikinger unmittelbar vor der Zwangschristianisierung im 11ten Jahrhundert u.a. in die Karibik geflohen sein und nahmen ihre Sprache mit! Sie genossen in ihrer neuen Heimat ein hohes Ansehen und nahmen hohe Positionen in den Stammesgemeinschaften ein. Es spricht, abgesehen von der nicht von der Hand zuweisenden Sprachverwandtschaft, sehr viel dafür, dass die Nordmänner (und Frauen), sich wirklich dort niederließen. Was noch dafür spricht, wird auf dieser Seite kurz zusammengefasst wiedergegeben oder detailliert von Zillmer (2004) selber. Auch auf andere, schlicht unbekannte Themen – wie beispielsweise die Mayastraßen- wird eingegangen. An dieser Stelle würde ich empfehlen, sich nicht von der Tatsache ablenken zu lassen, dass man noch nie mit derartigen Themen konfrontiert wurde. Dies hat leider rein gar nichts zu sagen.
Mein Ziel ist es, diese unsere Sprache unserer Vorfahren selber zu lernen und meinen drei Kindern zu vermitteln und auch andere darauf aufmerksam zu machen, womit wir es hier zu tun haben. Wir alle sind gefragt, diese Sprache nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und uns unserer Verantwortung bewusst zu sein! Darauf verlassen, dass Niederdeutsch (heißt mit Sicherheit nicht umsonst so) eine Wiederauferstehung erlebt, ist für mich ausgeschlossen, denn wir wissen bis heute schließlich nicht, was es mit diesem Erbe unserer Vorfahren in Wirklichkeit auf sich hat und wieso sollte sich daran etwas ändern? Einen niedlichen bzw. amüsanten Dialekt, den einige in die Jahre gekommene Provinzler sprechen, wird auch in zehn Jahren niemand lernen wollen. Wir sind auf uns alleine gestellt. Dieses Erbe können nur wir aufrecht erhalten und hierbei sind wir alle gefragt.
Also, gån we dat an!
Ergänzt 21. März 2026
Im Jahr 1998 begann der Lehrer Heiko Gauert aus Hohenlockstedt mit seiner Vortragslesung „Op Platt heet dat Moin“. Seine Absicht war es, der stets größer werdenden Zahl an interessierten Gästen aus Norddeutschland etwas über „die Sprache des Nordens“ und seiner Geschichte zu erzählen. Bald stellte sich heraus, dass außer ihm niemand anders unterwegs war, ähnliches zu tun. 20 Jahre später brachte er, auch aufgrund des Wunsches seiner Zuhörerschaft (es waren geschätzt 15.000 insgesamt, die seine Vorträge besuchten), das Buch „Die Geschichte der plattdeutschen Sprache“ heraus, auf welches ich hier kurz eingehen will.
Was ebenfalls interessant an Gauerts Ausführungen ist, ist die Tatsache, dass er sein Publikum stets erstaunte, weil so gut wie niemand etwas über „die großartige Geschichte unserer alten Heimatsprache wusste“ (Seite 10). Wir halten an dieser Stelle fest: Dieses Wissen war kaum bis gar nicht im Bewusstsein der Zuhörerschaft vorhanden, trotz des überdurchschnittlich hohen Alters, und des daher altersbedingt großen Wissensstands sowie der Tatsache, dass diese Menschen eine starke Verbindung zu der Sprache hatten und sie in den allermeisten Fällen auch sprachen. Die Verwunderung über dieses fehlende Wissen ist aber in Wirklichkeit gar nicht so wundersam, denn in der Schule und den hiesigen Medien wird und wurde dieses Thema ja auch nicht kundgetan. Das ist auch der Grund, warum niemand anders außer Gauert dieser Aufgabe, also andere Menschen mit Vorträgen zur Geschichte unserer Heimatsprache, aufzuklären, nachgekommen ist. Dies ist eine nüchterne Feststellung. In anderen Worten: Das Wissen ist da, man verbreitet es nur nicht.
In seinem Buch schreibt Gauters auf Seite 10:
"Viele Meiner Zuhörer gingen mit gestärkten Rücken aus meinen Veranstaltungen ... gestärkt in dem Bewusstsein eine (zusätzliche) vollwertige Sprache zu sprechen, auf die man uneingeschränkt stolz sein kann."
Und genau an dieser Stelle muss ich wieder darauf hinweisen, dass sich dieses Phänomen wie ein roter Faden durch unsere norddeutsche Geschichte zieht. Genau diesen „gestärkten Rücken“ sollen wir Norddeutschen meiner festen Überzeugung nach nicht haben.
Wie oben bereits festgestellt: In der Hanse, „der größten Handelsmacht Europas zwischen 1150 und 1650“ (Quelle), sprach man Platt , aber auch die nordsächsischen Stämme (Holsten, Stormarner, Dithmarscher, Ostfalen, Engern, Westfalen) sowie die Angeln taten dies schon zuvor. Die Stämme des Nordens und ihre Verknüpfung mit dieser Sprache sind uns schlicht nicht bekannt. Nichts dazu lernten wir in der Schule.
Nie kam mir in den Sinn, dass man sowohl auf die Hanse, die norddeutschen Stämme als auch auf unsere historische Sprache stolz sein, und einen „geraden Rücken“ bekommen kann. Als ich diese gezielte Vernebelung aber enthüllte, war mir klar, warum. Genau deshalb. Auch das ist eine nüchterne Feststellung. Dieses Wissen ist daher vergessen, weil es vergessen sein soll. Es stünde jederzeit abrufbereit zur Verfügung, aber man gibt es nicht großflächig an uns weiter.
Heiko Gauert enthüllte jede Menge unbekannte Punkte um die Sprache des Nordens in seinem Werk. Hier sind die wesentlichen Eckpunkte:
– Die Wurzeln der Sprache gehen mindestens 1600 Jahre zurück (Seite 20)
– Die Sprache war der Sprache anderer germanischer Stämme wie der der Goten, Vandalen oder Alemannen ähnlich. (Seite 21)
– Die Nordsachsen, mit ihrem Kurzschwert, dem „Sax“, die Ptolemäus hier im Norden bereits um das Jahr 150 n. Chr. verortete, sprachen diese Sprache (Seite 27)
– Es ist „frustrierend“, wenn man mit dem Namen der Nordsachsen sogar deutsche Kaiser verbindet, und wenn in einer TV-Geschichtssendung ein Professor für Geschichte über das kaiserliche Idom Otto I. feststellt: „Er soll gesächselt haben“. Gauert dazu: „Nein, nein er hat vermutlich Plattdeutsch gesprochen, stammte er doch aus altsächsischem Uradel.“ (Seite 34)
– Der mächtigste Mann im Hansebund, und damit Nordeuropas, der Bürgermeister von Lübeck, sprach ausschließlich Platt (Seite 45). Betonen möchte ich noch einmal, dass dieser Bund etwa 500 Jahre bestand.
– Mindestens 1/3 der skandinavischen Sprachen geht auf Plattdeutsch zurück (Seite 46)
– „Für diejenigen, die dachten, das Plattdeutsche hätte sich Teile des Dänischen angeeignet. Nein, nein umgekehrt wird ein Schuh draus.“ (Seite 47).
– „Ich habe viele Englischlehrer getroffen, die bei meiner Herleitung aus dem Sächsischen zunächst nur ungläubig gestaunt hatten.“ (Seite 47)
– Sächsisch wurde im ausgehenden 16. Jahrhundert, nach dem Untergang der Hanse und aufgrund der Etablierung einer Gemeinsprache der Bibel „das Meißener Kanzleideutsch“ zu Niederdeutsch bzw. Plattdeutsch. Damit begann der Verfall der Sprache. (Seite 49)
In einem aktuellen Beitrag der Kieler Nachrichten sieht Heiko Gauert auch das, was sich überall abzeichnet: Plattdeutsch wird kaum noch gesprochen. Nach 113 Jahren machte eine plattdeutsche Gilde im Jahr 2025 bei Eckernförde dicht. Vor ein paar Jahren waren noch 300 Mitglieder in diesem Verein aktiv. Am Ende waren es nur noch 180. Die Menschen, von denen die meisten die Sprache in ländlichen Räumen noch im Alltag sprachen, werden von Jahr zu Jahr weniger. Ironisch ist, dass etwa 50 der rund 750 Schulen (und so steht es auch in dem Artikel) in unserem Bundesland Plattdeutsch unterrichteten. Das sind nicht einmal 7%! Man spricht von einem Erfolg angesichts dieser Zahlen. Ich sehe das gänzlich anders. Wer von den wenigen Kindern, die diese Sprache lernen, spricht sie davon aktiv? Und das ist das Problem. Wir nutzen die Sprache nicht mehr. Sie spielt keine Rolle mehr im Alltag.
Das gleiche Bild im Plattdeutschen Krink, in dem ich aktiv bin. Ich befinde mich weit unter dem Altersdurchschnitt in unserem Verein. Hauptgrund ist die Unattraktivität der Sprache, welche auf die eklatanten, bewusst offengelassenen Wissenslücken und der Entstellung der normal gepolten Menschen hierzu zurückzuführen ist.
Aber ihr kennt mich. Gerade deshalb sollten wir dieses Wissen teilen und es nicht dazu kommen lassen, dass diese Sprache ausstirbt! Ich hoffe, ihr habt nach dem Lesen dieser Zeilen auch einen geraden Rücken. Unterstützt die örtlichen Vereine, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Werdet Mitglieder. Fangt an, die Sprache wieder zu sprechen. Sucht euch einen Mentor, der nur in dieser Sprache mit euch spricht! Genau dies habe ich getan. Es ist ein Segen, und ich merke jedes Mal, wie sehr mir dabei das Herz aufgeht. Diese Sprache ist ein Geschenk. Lasst dieses Geschenk nicht im Verborgenen liegen und werdet aktiv. Jetzt. Ein riesen Dank an Heiko Gauerts Einsatz zum Erhalt unserer Sprache.