Karte Klein Niederdeutsch PlattdeuschInsgesamt sind alleine in Schleswig-Holstein 543 Burgen oder burgähnliche Anlagen als Kulturdenkmale unter Schutz gestellt, wovon sich noch 393 in der Landschaft ausmachen lassen (ICKERODT, Seite 255)! Laut Arthur Dähn sind es sogar 412 und er hat sich die Mühe gemacht, die genauen Positionen dieser Anlagen in seinem Werk "Ringwälle und Turmhügel" genaustens aufzuführen (DÄHN, 2001)! Wer hätte das gedacht? Ich auf jeden Fall, bis ich auf dieses Buch gestoßen bin, nicht ansatzweise. 
Den mit Abstand größten Teil dieser Anlagen machen die sogenannten Turmhügelburgen aus. Alleine im Kreis Plön befanden sich 37 von ihnen (TURMHÜGELBURG MUSEUM LÜTJENBURG)! Sogar vor meinem kleinen Heimatdorf bei Flensburg und in meinem jetzigen Wohnort bei Elmshorn gab es je eine. Kaum erstaunt hat mich daher, dass - dies weiß ich erst seit etwa einer Woche - es ursprünglich auch eine Turmhügelburg unmittelbar vor meiner Arbeitsstelle im Zentrum Hamburgs gab (wikipedia.org/wiki/Neue_Burg). 
Laut Lehrmeinung dienten diese Bauten der Bevölkerung als Schutzanlagen vor plündernden, marodierenden Wikingern bzw. in Ostholstein den Wenden (Slawen). Wieso aber wird ein so greifbarer Bestandteil der Schleswig-Holsteinischen Geschichte so wenig thematisiert? Vielleicht, weil wir uns grundlegende Fragen stellen würden, wer die eigentlichen Barbaren bzw. Aggressoren waren und wer sich wirklich hat schützen müssen?
Was wäre denn, wenn die hier vor den Ketzerkriegen lebende Bevölkerung keine anarchistischen, sich gegenseitig bekriegenden Wilden waren, die nur darauf gewartet haben, bis jemand sie unterjocht und auf den richtigen Weg bringt, sondern friedliebende, naturverbundene Stämme, vergleichbar mit den Ureinwohnern Nordamerikas? Genau dies ist die Erkenntnis von Dr. Hans-Joachim Zillmer (ZILLMER, 2004): "Wie in Europa wurden in Nordamerika die Ureinwohner durch systematische Landentnahme enteignet, dass Privateigentum durch die Einwanderer eingeführt und Staatsgründungen mit festgelegten Grenzen vorgenommen. Die Situation in Mitteleuropa zwischen 1000 und 1300 kann mit der Situation in Nordamerika zwischen 1600 und 1900 verglichen werden. Weder in Europa vor 1000 noch in Nordamerika vor 1600 gab es zentral regierende Herrschaftssysteme." (ZILLMER, Seite 168).

Befestigte Stützpunkte im Feindesland

Die Hunderten von Turmhügelburgen in unseren Landen sind demnach die vergessenen Zeugen eines blutigen Eroberungskrieges machtgieriger weltlich-geistlicher Feudalherren. So dienten diese Anlagen anfangs als befestigte Stützpunkte im Feindesland, genauso wie die Forts Nordamerikas (ZILLMER, Seite 168) und wurden später als Verteidigungsanlagen des sich später etablierten Adels genutzt, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft von ihnen niederließ. Ihre Adelsgüter befanden sich fast ausschließlich nicht weiter als 500m von diesen Wehranlagen entfernt und das Schleswig-Holstein weit (DÄHN, Seite 15). Diese Tatsache alleine beweist, dass systematisch vorgegangen wurde und auch, dass der Adel offensichtlich vom Schutz dieser Anlage abhängig war und nicht die Bevölkerung. Wieso wurde der Standort der Gutshäuser der neuen Herrschaft sonst so bestimmt? "Der Adel war es, der sich hat verteidigen müssen. Genau dies wird mannigfach in den zahlreichen Chroniken über die Bauernaufstände bestätigt." (ZILLMER, Seite 164) 
Die als so edel dargestellten Schutzherren (Ritterschaft), waren nicht zum Schutze der Bevölkerung abgestellt, sie waren die Eroberer und später die Schirmherren der Kirche und des Hochadels. Der freie Historiker und Burgenforscher Andreas Schlunk geht auf die wichtigsten Aspekte dieser Thematik in seinem Werk "Die Ritter" ein. (SCHLUNK, 2009). Die Rolle der hochrangigen Soldaten, die im Namen ihrer Herren in Nordamerika wüteten, nahmen in Europa die Ritter ein. Diese waren, entgegen des allgemeinen Bildes, was wir über sie haben, NICHT frei und unabhängig, sie waren dem Landesherren unterstellt (SCHLUNK, Seite 11) und hießen anfangs sogar "Modal" was auf Latein nicht mehr und nicht weniger als Soldat bedeutet (SCHLUNK, Seite 6). Hier gibt es noch mehr Parallelen zu Nordamerika.
Alleine die Ausrüstung der Ritterschaft kostete ein Vermögen. Die Kosten für die Ausrüstung eines Ritters war so immens, dass es nur sehr Vermögenden möglich war, sie auszurüsten: "Schon für das Pferd musste der Gegenwert von zwölf Kühen aufgewendet werden [...] Erzeugung und Verarbeitung des Eisens war so aufwendig, dass für die gesamte Ausrüstung nochmals der Gegenwert von 33 Kühen gezahlt werden musste" (SCHLUNK, Seite 6).
"Die Fürsten, allen voran der König, verteilten das [neu eroberte] Land an ihnen ergebene Personen (Vasallen) [...] Die Grundlage dafür waren Konventionen, die in Pflichtkatalogen niedergelegt waren." (SCHLUNK, Seite 12) Viel systematischer und durchtriebener geht es nicht, oder? Dennoch: bis zum heutigen Tage werden diese Vasallen, der Adel inklusive aller Königshauser und der Vatikan, abgesehen von ein paar kurz anhaltenden Skandalen, die in die Öffentlichkeit gelangen, überall glorifiziert. Die damaligen Verlierer hingegen gelten nach wie vor als ungläubige, sich stets vor allem gegenseitig bekriegende Barbaren und Unheilbringer. Ja, inzwischen bin ich felsenfest davon überzeugt: Der Sieger schreibt die Geschichte (und der Verlierer glaubt sie).

Zur offiziellen Geschichte der Turmhügelburgen 

Aber, um nochmal auf die offizielle Lehrmeinung bzgl. der Turmhügelburgen zurückzukommen: Wenn es wirklich die Wikinger waren, vor denen man sich hat verteidigen musste, wieso sind Turmhügelburgen dann nicht nur im Schleswig-Holstein und Dänemark aufzufinden, sondern auch in weiten Teilen Deutschlands (u.a. als fränkische Motte bekannt), oft weit abseits von den so bedrohlich Wasserwegen der Wikinger? Und wieso sollten sich diese germanischen Seefahrer plötzlich gegen die eigene Bevölkerung erheben, wenn der Feind so offensichtlich war? 
Auch die Behauptung, dass es die Wenden waren, die das Land in Chaos versetzen, ist mehr als abwegig, schließlich stammen die Turmhügelburgen aus dem 11-14 Jahrhundert, also zu einer Zeit, in der die Wenden auf der geschichtlichen Bühne Schleswig-Holsteins schon längst keine Rolle mehr spielten. Nein, die offizielle, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht grundlos nur sehr spärlich kundgetane Erklärung, macht weniger als Sinn.

 

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Europas explosionsartiger Städtebau im Auftrag der neuen Herrschaft

Wie aber ging die Kolonisierung des gerade eroberten Landes von statten? Auch bei diesem Thema gibt es Parallelen zu Nordamerika:

Ab dem Jahre 1030 kam es zu einer explosionsartigen Städtegründung in Europa, denn Städte gab es damals so gut wie keine, wenn es auch einige Siedlungen wie Alt Oldenburg in Holstein (Umzug nach Neugründung 1160) und Alt Lübeck (Umzug nach Neugründung 1143) bereits vorher gegeben hat (HUMBERT, Seite 62). Aber eben auch diese neu gegründeten Städte fanden - jetzt kommts - ähnlich wie in Amerika ihren Ursprung auf der grünen Wiese! Klaus Humpert, Städtebauarchtikt seines Zeichens, hat offen gelegt, wie - entgegen der offiziellen Geschichte - Städte nicht organisch über einen langen Zeitraum wuchsen, sondern, dass sie genau so gebaut wie sie geplant worden sind (HUMBERT, 2001)! Dies konnte er mehr als eindrucksvoll belegen, sehr zum Missfallen einiger seiner Berufskollegen!

Diese Arte Dokumentation, in der seine jahrzehntelange Ausarbeitung beschrieben wird, ist brillant! Es zeigt Humperts Kampf gegen Windmühlen, in der er am Ende als Sieger hervor geht. Aber auch, wie eingefahren unsere Historiker arbeiten und wie unanfechtbar unsere offizielle Geschichtsschreibung dadurch ist:

https://www.youtube.com/watch?v=-ZzEzhIGnwM 
Verwaltungsgebäude, rastergeplante Marktplätze (welche den Herrschenden Kontrollmöglichkeiten brachten und durch den Straßenzwang zusätzliche Einnahmen durch Mautgebühren), Sonderbauten wie Kirchen, Brunnen, Stadtmauern: Alles kein Zufall, sondern ein Resultat genauer Planung.

Bahnbrechende Ereignisse und ihre verheerenden Folgen für unsere Vorfahren - Wir wissen viel zu wenig darüber

In ca. 300 Jahren wurden in Europa insgesamt 3000 Städte gegründet (ZILLMER, Seite 169). Dieser Städtebauboom fand im Jahre 1342, nach dem Einsetzen der Margaretenflut und dem darauf folgenden Ausbruch der Pest ein abruptes Ende (hier ein Artikel der Zeit zu Deutschlands Jahrtausendflut: https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2013-06/hochwasser-magdalenenflut) . "Die Wassermassen entsprachen dem 50- bis 100-Fachen des Hochwassers an der Oder 1997 oder der Elbe 2002 und 2013". Ganze Kirchen standen bis zu ihren Türmen unter Wasser. 
Die Margaretenflut war ein Ereignis, was in diesem Jahrtausend ebenfalls seines Gleichen sucht und welche der Bevölkerung, trotz der zahlreichen Chroniken und den verheerenden Folgen für das Land und unsere Vorfahren, weitestgehend unbekannt ist. In dieser Hinsicht steht dieses Ereignis der blutigen und systematischen Eroberung und Unterdrückung der skrupellosen Feudalherren in Nichts nach.
Traurig, aber wir müssen uns aller Wahrscheinlichkeit nach damit abfinden, dass es so ist, wie es ist, und wir auch in Zukunft keine flächendeckende Aufklärung zu derartig einschlägigen und gleichzeitig - gelinde gesagt - für uns alle mehr als relevanten geschichtlichen Themen und Zusammenhänge geben wird. Lassen wir uns hiervon aber nicht entmutigen! Viel zu spannend ist die Geschichte hinter der Geschichte! Entdecken wir sie! Lasst uns die Glotze aus lassen und wieder zu Büchern greifen,  uns Vorträge anhören und teilen, was wir gelernt haben! Wir selber sind hierbei alle gefragt.
Dein Jan